Gervasius & Protasius 2014 - 850 Jahre Schutz & Segen

VII.

Gervasius und Protasius – ein Segen für die Stadt

 

So viel Silber, gesichert hinter Glas: Wertvoll, blendend steht der Schrein da, regt an, Fragen zu stellen. Marianna Reining, aktives Gemeindemitglied bis zu ihrem Wegzug aus Breisach in den 1990er Jahren, hat sich intensiv mit religiösen Fragen und mit dem Breisacher Münster befasst. Sie schreibt: »Wohl liegt Totes im Schrein, sterbliche Reste zweier Menschen, die vor bald zweitausend Jahren als gläubige Christen lebten und starben, aber nicht der Tod wird hier beklagt, dieser Schrein feiert das Leben« (aus M. REINING: Die Stadt auf dem Berg, Geistlicher Führer durch das St. Stephansmünster).

Für uns heute stellt sich die Frage: Was ist wertvoller, die Verpackung oder der Inhalt? Ich wage, es anders herum zu formulieren: Wie wertvoll muss doch der Inhalt sein, wenn schon die Verpackung von unschätzbarem Wert ist! Doch was wissen wir vom Inhalt? Es sind Reliquien von Gervasius und Protasius – unseren Stadtpatronen; gesehen haben sie die wenigen, die 1999 bei der Schreinöffnung durch das Landesdenkmalamt dabei waren. Die Frage bleibt: Was ist hier so wertvoll?

Wenn Sie in Ihrer Schatzkiste zu Hause die auf Ihrem T-Shirt ergatterte Unterschrift ihres Lieblingspopstars aufbewahren, erahnen Sie, was Reliquien bedeuten.

Den Gläubigen durch die Jahrhunderte waren die Reliquien so viel wert, dass sie große Reisen auf sich nahmen. Sie versprachen sich Segen. Auch wussten sie: Wer eine Reise tut, kann nicht nur etwas erleben; er ändert sich, wird ein Anderer, wird »erfahrener«, weitsichtiger. Das Wissen um die Gefahren einer Reise, das Erleben intensiver Nicht-Alltäglichkeit lässt das Alltägliche in neuem Licht erscheinen. Der Alltag wird in segensreichem Abstand geprüft und neu organisiert.

Pilger – heute eher Touristen – kamen und kommen zu den Reliquien der Stadtpatrone, um ihren Alltag zu reflektieren, um Kraft von Gott zu schöpfen, um ihre Lebensfragen in neuem Licht zu sehen, vielleicht um zu spüren: Ich stehe im Segen Gottes.

Der Stadt Breisach taten die Gäste (Pilger wie Touristen) seit jeher gut. Uns Breisachern zu deren Alltag die Stadtpatrone gehören (was ich hoffe!), sind sie ein Segen. Sie ermutigten uns durch alle Zeiten und Epochen dieser Stadt hindurch, immer wieder gestärkt den Kopf aus dem Sand zu nehmen und mutig neu anzufangen, selbst wenn im Umfeld vieles zerstört schien.

Die Stadtpatrone ermutigten die Bürger, durch Jahrhunderte hindurch ihr Münster so schön zu bauen und zu schmücken. Sie ermutigen die Menschen von Breisach, sich zu öffnen für die Gäste dieser Stadt, für Europa. Von den Stadtpatronen können wir lernen, selbst Segen zu sein, für die Menschen, die uns hier in Breisach begegnen.

Werner Bauer, Pfarrer

Gervasius & Protasius