Gervasius & Protasius 2014 - 850 Jahre Schutz & Segen

IX.

Gervasius und Protasius:

Die Stadtpatrone ein Segen für Breisach

Legenden, aber auch Fakten

 

Von Emil Göggel

BREISACH. Das 850. Jubiläum der Breisacher Stadtpatrone soll zu einem Fest der ganzen Stadt werden – ein hoch gestecktes Ziel.  Denn nicht erst seit der Reformation ist Heiligen- und Reliquienverehrung eine fragliche Sache.  Wie sollen Bedeutung und Wirkung der Breisacher Schutzpatrone den nüchtern und zweckrational denkenden Menschen der Gegenwart nahe gebracht werden. Legenden, die von der Auffindung ihrer Gebeine, von Überführung und wundersamen Verbleib der Reliquien beider in Breisach und vom kostbaren Silberschrein erzählen reichen nicht aus, um verständliche Zweifel zu zerstreuen.

Das Breisacher Stadtarchiv hat bis 1609  keine schriftlichen Quellen. Alle Urkunden, Ratsprotokolle, Testamente, Werkverträge und Abrechnungen sind beim großen dreitägigen Stadtbrand 1793 verloren gegangen – ein schmerzhafter Mangel.

Zeugnisse für die Ausstrahlung und die Anziehungskraft, für die „Wirkungsmacht“der Stadtpatrone fehlen jedoch keineswegs. Denn die beiden Märtyrerbrüder haben jahrhundertelang eine bedeutende Rolle für Glauben und religiöses Leben unserer Vorfahren, ebenso wie für die wirtschaftliche Entwicklung und die Bedeutung der Stadt  gespielt. Um dies zu erkennen muss man die konkreten Fakten sehen und in die Zeit einordnen.

Der Historiker Otto Borst kommt in seinen Untersuchungen zu der Erkenntnis: „Das Mittelalter ist die Zeit der großen kollektiven Angst.“ Die Menschen im Mittelalter waren fast wehrlos gegenüber den Gefahren, die ständig ihr Leben  bedrohten: Unwetter und Überschwemmungen, Brände, Hungersnöte, Kälte und Krankheiten, Kriege und Seuchen, schließlich auch ein früher, nicht selten plötzlicher oder gewaltsamer Tod. Die Lebenserwartung betrug 35 Jahre, bei 50 % lag die Sterblichkeitsrate der Kinder.„Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.“ Dieser Vers kennzeichnet Situation und Empfindung der Menschen im Mittelalters.

Der niederländische Kunsthistoriker Henk van Os nennt die Heiligenverehrung für die Menschen damals den „Weg um Himmel“. Tausende pilgerten dorthin, wo Reliquien aufbewahrt wurden. 1476 wurden 142.000 in Aachen gezählt, über 100.000 kamen 1512 nach Trier. Sie kamen, um zu beten, um ihre Sorgen und Nöte vorzutragen, weil sie Hilfe oder Heilung suchten, eine Schuld abtragen oder - aus Not, aus großer Gefahr gerettet - Dank sagen wollten.; nicht zuletzt weil sie vorsorgen wollten fürs ewige Heil.

In Hunawihr, einem kleinen Dorf zwischen Riquewihr und Ribeauvillé, wurde 1520 die dort seit dem 7. Jh, verehrte selige Huna heiliggesprochen. 20.000 Wallfahrer kamen, v.a. um mit   Spenden für die verfallene Dorfkirche einen vollkommenen Ablass, d.h. Nachlass aller Sündenstrafen, zu gewinnen.

Seit 2000 geht die Forschung auch der sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Seite der Reliquienverehrung nach. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Reliquienverehrung damals ganze Geschäfts-und Wirtschaftszweige mitträgt und wirtschaftliche Impulse, Prozesse und Entwicklungen unmittelbar zurückwirken in den religiösen Bereich.“Das Pilgerwesen wirkte entscheidend auf die Wirtschaftsstruktur einer Stadt ein, da sich hier das Dienstleistungsgewerbe des Pilgerlebens voll entfalten konnte.“ so der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Markus Mayr.

Zu den mit der Reliquienverehrung verbundenen Ablässen kamen Vermächtnisse, Schenkungen und Stiftungen. Sie hatten bei der Suche nach Beistand in Notlagen und bei der Vorsorge für das ewige Heil besonderes Gewicht; und Jahrmärkte bewährten sich als die Wirtschaft und den Handel fördernde Höhepunkte im Jahresablauf.

Fragen wir auf diesem knapp skizzierten Hintergrund nach der Situation in der Stadt Breisach. Sie hatte von 1470  bis 1526 eine außergewöhnliche „Blütezeit“. In einem halben Jahrhundert wurden die heute noch vorhandenen großartigen Ergebnisse erbracht, die dies belegen: Die angebaute Westhalle, Schongauers Weltgericht, der Silberschrein, der Lettner, das gotische Sakramentshaus, das heilige Grab, der von Hl geschnitzte Hochaltar.

Ausstrahlung und Wirkung der Stadtpatrone machten dies möglich. Dies können wir, mit großer Sicherheit sagen. Auch für Breisach gilt, was Markus Mayr in seinem Buch „Geld, Macht und Reliquien“ zusammenfassend feststellt. „Über 500 Jahre lang hatten Reliquien und später der Ablaß die Menschen veranlaßt, Geld und Naturalien für Kirchenbauten zu spenden. Die Kathedralen der Romanik, Gotik und z.T. der Renaissance sind durch sie wesentlich mitfinanziert worden. … Kirchen sind die steingewordene Überschußproduktion des Mittelalters.“

Schon die Mauern und Türme des Breisacher Münsters sind dafür unbestreitbare historische und die Geschichte überdauernde Zeugen. Die Reliquien der Stadtpatrone haben über Jahrhunderte dem wirtschaftlichen Leben der Stadt enorme Impulse gegeben, das dürfen wir mit Sicherheit aus den großen Kunstwerken schließen, die in der Blütezeit Breisachs im Münster geschaffen worden sind.

Wer die dargestellten Zusammenhänge und die gezogene Schlussfolgerung anzweifelt, den mögen zwei schriftlich belegte historische Tatsachen überzeugen: Kaiser Karl V. gewährte 1521 der Stadt Breisach einen dritten Jahrmarkt - alljährlich abzuhalten am 21. Juni, dem Tag nach Ausstellung der Reliquien der Stadtpatrone. Und ausgerechnet der wegen Mordes, Eidbruchs und anderer Übeltaten angeklagte und zum Tode verurteilte Peter von Hagenbach gibt mit dem, was er in seiner schlimmen Situation tut und entscheidet, ein Beispiel für das Glaubensverständnis auch seiner Zeitgenossen: Treuhänderisch übergibt er einem Söldnerführer 100 Gulden und einen goldenen Siegelring, die er dem hl. Stephan und den hl. Gervasius und Protasius vermacht, offenbar weil er auf den Schutz dieser Heiligen hofft. In seinem Testament  vermacht er der Breisacher Münsterfabrik eine kleine Goldkette und 16 Pferde im Wert von 1100 Gulden, jetzt in Sorge um sein Seelenheil.

Gervasius & Protasius